Ja sagen zu meinem Weg

Jeder Pilger geht seinen eigenen Weg. Esther Duine machte es zu einer besonderen Reise, indem sie sowohl das Äußere als auch das Innere von sich selbst betrachtete und untersuchte.
Ja sagen zu meinem Weg
– Zehn Tage allein in der Natur –
In den letzten Monaten ist die Unruhe in mir gewachsen. Sieben Jahre lang war mein Leben eine große, transformative Reise, um mich selbst wiederzufinden und wieder zu werden, wer ich bin. Aber dieser neue Ort wurde auch zu einer Komfortzone. Die zweite Hälfte meines Lebens liegt vor mir – was gibt es da noch zu entdecken?
Mit meinem Sternzeichen Stier komme ich oft nicht so leicht in Bewegung. Genau deshalb hat es mich berührt, dass mein Mann mir das Buch „Der Weg der wilden Frauen“ von Brigitte Ars geschenkt hat. Die Geschichten von Frauen, die sich auf das Abenteuer einließen und alleine in die Natur gingen, entfachten mein Feuer. Der Samen dafür war bereits ein Jahr zuvor, während meiner Visionssuche, gepflanzt worden. Dort entdeckte ich, wie selbstverständlich es für mich ist, in der Natur zu sein – Tag und Nacht, ohne jegliche Campingerfahrung.
Ich spürte: Die Zeit ist reif, um mich selbstständig zu machen. Ich fand ein Bett auf dem Weg der Weisheit, einer Pilgerreise von 150 km rund um Nimwegen, über Hügel, Wälder, Überschwemmungsgebiete und Ackerland. Ich buchte zehn Tage auf einem Naturcampingplatz, mitten im Wald, und bereitete mich mit einem kurzen Probecampingausflug vor. Trotzdem wuchs im Vorfeld die Anspannung: Würde mein sensibler Körper in den Wechseljahren damit umgehen können? Hatte ich genug Erfahrung, um wieder zu den Grundlagen zu campen?

Die äußere Reise
In den ersten Tagen bekam ich Hilfe von unerwarteter Seite. Mein Nachbar auf dem Campingplatz – ein Förster, ehemaliger Marinesoldat – gab mir mit seinen nüchternen Kommentaren Zuversicht. Ich fühlte mich wie zu Hause in meinem Zelt, das sich wie ein sicherer Schoß um mich schloss. Ich genoss das einfache Essen und die Stille des Waldes.
Und doch suchte mein Verstand nach Auswegen:
Am zweiten Tag regnete es in Strömen, und ich überlegte, ob ich nach Hause gehen sollte. Aber mein Nachbar hat gesagt: Wenn es regnet, wird man nass – und der Wald ist umso lebendiger. Und so ging ich.
Als Regen in mein Handy kam, fand mein Verstand einen neuen Grund, um aufzuhören. Zum Glück hat mir der Campingplatzbesitzer geholfen.
Der Weg durch den deutschen Reichswald machte mich angespannt. Allein im Urwald, mit den Warnungen anderer Frauen im Hinterkopf, wollte ich fast aufgeben. Bis ich entdeckt habe: Ich habe die Route offline dabei, ich kann mich tragen.
Jedes Mal, wenn meine Angst zuschlug, brachte mich der Weg zurück.
Die innere Reise
Auf halbem Weg hatte ich das Gefühl: Ich sage eigentlich nur auf halbem Weg ja. Die Hälfte davon sage ich nein – zu mir selbst, zum Leben. In diesem Moment beschloss ich: Ich sage von ganzem Herzen ja.
Von da an wurde alles leichter. Der Widerstand fiel weg. Es gab Spaß, Selbstvertrauen und eine tiefe Stärke. Mein Kopf wurde leer, ich fiel mehr und mehr mit der Erfahrung zusammen. Als ich am letzten Tag in Nimwegen ankam, fühlte ich mich frei, selbstbewusst und strahlend.
Die Ernte
Und doch… Zu Hause angekommen, war dieses Gefühl verschwunden. Mein Körper reagierte heftig, ich brauchte Tage, um mich zu erholen. Als ich die Reise mit meinem Supervisionstherapeuten spiegelte, entdeckte ich, warum: Mein sensibles System hat mich immer geschützt, indem es teilweise nein sagte, indem es mich abschirmte. Jetzt konnte ich diese Überwältigung spüren, aus innerer Stärke.
Mir wurde klar: Meine Freiheit liegt nicht in einem perfekten „Ja“. Meine Freiheit liegt darin, bewusst Ja und Nein fühlen zu können. In der Lage zu sein, beides aus Liebe zu wählen und zu tragen.
Diese Reise hat mich gelehrt: Der Weg erfordert keinen Kampf. Es erfordert Kapitulation. Und meine tiefste Stärke liegt darin, Ja zu mir selbst zu sagen, auch mein Nein.




